Warum ich begann, den „Jahrhundertroman“ zu schreiben
1995 zog ich aus meinem Hinterhaus in der Prenzlauer Allee in eine Vorderhaus-
Wohnung in der Kopenhagener Straße, erste Etage, Südseite der Ringbahn. Das
Gründerzeithaus gehörte einem deutschen Bauunternehmer, der in Spanien
Geschäfte gemacht hatte und nun Sohn und seine Tochter an einem Berliner Lehr-
und Übungsobjekt das Spekulieren beibringen wollte.
Er hatte sich das clever überlegt: Nach der Wende war ein sehr erfolgreiches
Förderprogramm aus Westberlin auf Ost Berlin ausgedehnt worden. Gruppen
abenteuerlustiger Wohnungssuchender bekamen zinsfreie Kredite aus öffentlichen
Mitteln, mussten dafür einen Teil der Sanierungsarbeiten in Eigenleistung erbringen
und alle Mieter einbeziehen.
Der Vater organisierte die Gruppe kurzerhand selbst und bot zu diesem Zweck uns,
sieben Prenzlberger Studenten, Jungschriftstellern und freiberuflichen Journalisten,
die Beteiligung an. Um die Finanzierung würde er sich kümmern, seine Kinder sollten
eine knappe Mehrheit halten, er selbst blieb ihr Generalbevollmächtigter. Natürlich
machten wir mit. Wir lebten in teils recht prekären Verhältnissen und sahen in dem
Projekt eine Chance, unsere Hinterhäuser zu verlassen.
So zog ich also bei erster Gelegenheit in eine der leerstehenden Wohnungen und
wurde Zeuge der Sanierung. Es ratterte und knatterte, brummte, quietschte und
brüllte den ganzen Tag, Radioprogramme verbreiteten gute Laune, schlecht gelaunte
Bauarbeiter fluchten auf polnisch. Wände wurden abgespachtelt oder gleich ganz
herausgerissen. Es roch nach Geschichte, nach altem Staub, vermodertem Stroh
und ein bisschen nach Leiche. Unter den Tapeten kamen alte Zeitungen zum
Vorschein: „Reichspräsident Ebert gestorben“, „Olympiade eröffnet“,
„Lebensmittelkarten abgeschafft“, „Einmillionste Neubauwohnung“ übergeben. Aus
den Kellern tauchten GST-Stiefel und FDJ-Uniformen auf, Gesammelte Stalinwerke
Band 1 bis 33 und Einmachgläser mit Jahreszahlen vor meiner Geburt. Das Dach
wurde abgedeckt, die Kellersohlen aufgegraben, Zwischendecken skelettiert. Beim
Abschleifen der Zimmertüren fand ich unter dicken Lackschichten die mit Bleistift in
Fraktur geschriebenen Maßzahlen der Erbauer.
Als die Fenster herausgerissen wurden, floh ich in den Lesesaal der Staatsbibliothek
und nutzte die Gelegenheit zur Recherche. Die Geschichte des Prenzlauer Bergs hatte mich schon interessiert, seit ich 1987 nach Berlin gezogen war. Ich studierte
Grundrisse von Gründerzeithäusern, las Bauvorschriften und zeichnete Stadtpläne.
Besonders gern versank ich in historischen Fotografien und hörte den
Lebensgeschichten meiner ältesten Nachbarn zu. Das Jahrhundert hatte ihnen nichts
erspart. Zwei Weltkriege, Inflation, Nazis, Russen, Kommunisten und nun auch noch
die Wende. Das waren Romane voller Brüche und – nur allzu verständlich – voll
barmherziger Selbsttäuschungen.
Abends fegte ich dicke Staubschichten von der Schutzplane auf meinem Bett und
träumte mich in die Vergangenheit. Dort baute ich ein Haus, ähnlich wie „Number
twelve, Grimmauld Place“ bei Harry Potter, füllte es mit Menschen und setzte sie den
Fährnissen des Jahrhunderts aus. Ich lauschte Drehorgeln im Hof, nähte mit müden
Heimarbeiterinnen im trüben Gaslicht und sah den Zügen nach, die hinter dem Haus
an die Front fuhren.
Als ich in den Adressbüchern nach früheren Bewohnern und ihren Berufen suchte,
fand ich als Eigentümer des Nachbarhauses einen Gustav Seelig, Inhaber des
Weißwarengeschäfts im Parterre des Hauses, zuletzt erwähnt 1941, nun schon mit
dem Zusatznamen „Israel“. Im Internet fand ich seinen Namen im Findbuch der
Holocaust-Opfer und einen Klick weiter seine Biografie in einem Buch des Tübinger
Historikers Hans-Joachim Lang, der die Geschichte jener 86 Juden beschrieb, die
von der Organisation „Ahnenerbe“ der SS für ein späteres Museum selektiert,
vergast und in der Anatomie der Reichsuniversität Straßburg präpariert worden
waren.
Aus meinen Träumen wurden Albträume. Ich fragte mich: Wenn man beim Kratzen
an einer beliebigen Stelle ein Schicksal wie das von Gustav Seelig entdeckte,
welches Grauen mochte sich dann hinter all den anderen Fassaden verbergen?
Von den Kindern unseres deutsch-spanischen Immobilienhais war derweil wenig zu
sehen und zu hören gewesen. Sie kamen aus der Provinz, waren jung und genossen
die Freiräume in Berlin mit jeder Menge Drugs, Sex und Rock ’n‘ Roll, bzw. Ecstasy
und Technopartys wie die im legendären Tresor am Leipziger Platz. Eines Morgens
jedoch fand man den jungen Mann hinter dem Steuer seines Porsche, gestorben an
einer Überdosis Tabletten. Von diesem Tag an war Vater und Tochter unser
gemeinsames Projekt in der Kopenhagener verleidet. Mit ihrer Mehrheit beschlossen sie, die Gruppe aufzulösen und die Wohnungen unsaniert, aber mit teuren
Bauverträgen zu verkaufen. Die Geldprobleme, die mir schlaflose Nächte bereiteten,
interessierten sie nicht.
Nachts marschierten blutende Soldaten und tote Juden durch meine Wohnung,
Bomben fielen, Babys schrieen. Gustav Seelig erschien mir im Traum und warf mir
vor, sein Schicksal auszuschlachten um meine Schulden zu bezahlen. Wenn ich
jemandem davon erzählen wollte, erstickte meine Stimme in Tränen.
Mir wurde klar, dass ich die Toten auf Abstand halten und mich von den Fakten
emanzipieren musste. Ich war kein Historiker, für einen Roman brauchte ich
Bewegungsfreiheit.
Ich bezog die Bewohner der Nachbarhäuser ein, wir sammelten Geld und stifteten
Stolpersteine für Gustav und Clara Seelig. Wer mehr über ihr Schicksal erfahren will,
kann das auf meiner Webseite „Schreiberey.de“ nachlesen.
Die Handlung verlegte ich eine Ecke weiter an die ehemalige Schönfließer Brücke,
unter der auf den Gleisen der Ringbahn immer mal wieder die Weltgeschichte
vorbeikam. Das Eckhaus mit der heutigen „Kohlenquelle“ war im Krieg von einer
Bombe getroffen worden und hatte einen Vorderhausflügel verloren, außerdem hatte
es einen Doppelkeller, der sich als Versteck eignete. Ich besuchte es oft.
Schließlich zog ich weg aus Berlin, aufs Land in die Uckermark, und fühlte mich nun
endlich frei für mein literarisches Experiment „Jahrhundertroman“.